Die Geschichte der Wiener akademischen Burschenschaft Gothia

Im Jahre 1952 vereinigten sich die im Jahre 1938 aufgelösten Wiener Burschenschaften "Germania" und "Gothia" unter dem Namen "Wiener akademische Burschenschaft Gothia" und den Farben der "Germania" und traten damit nach dem großen Krieg wieder ins Leben. Name und Zirkel wurden von Gothia übernommen, Coleur und Tradition von Germania.

 

Das alte Haus der Germania (Lange Gasse 10) ging leider verloren, und so stand der neue Bund zunächst ohne Obdach da. Es bot sich jedoch die Möglichkeit, im heutigen Gothenhaus einige Zimmer zu beziehen. Die ansässigen Mieter räumten im Anschluß nach und nach das Haus, sodaß Gothia der alleinige Hausherr wurde. Die folgenden Jahre verliefen ohne große Höhen und Tiefen.

 

Der Bestand der Aktivitas war lange Zeit gesichert und zeitweise zählte Gothias Aktivitas zu den größten in Wien.

 

Die Geschichte der Wiener Burschenschaft Germania

 

Am Jahrestag der Völkerschlacht von Leipzig, dem 18. Oktober 1861, gründeten deutsch-böhmische Hörer des Polytechnikums in Wien die Landsmannschaft Bohemia. Man trug eine schwarze Tuchmütze mit den böhmischen Landesfarben weiß-rot und dementsprechend ein schwarz-weiß-rotes Band.

 

Es zeigte sich aber schon bald, daß der landsmannschaftliche Charakter nicht den Ansichten der Mitglieder entsprach und so erklärte sich Bohemia bereits am 12.12.1861 - keine zwei Monate nach ihrer Gründung - zur Burschenschaft.

 

Wie seinerzeit in Wien üblich, war das Aktivenleben durch die Pflege von Dichtkunst und Malerei geprägt. Studentische Sitten und Bräuche, wie sie im Deutschen Reich üblich waren und wir sie heute kennen, fanden erst später Eingang in das Coleurleben in Wien.

 

Bohemia pflegte stets die deutschnationale Gesinnung. In den Folgejahre reifte die Erkenntnis, daß Farben und Name dieser Idee nicht entsprechen. Als Protest gegen die 1865 einsetzende deutschfeindliche Politik der Regierung  wurde Ende Juni 1866 der Beschluß gefaßt, die heutigen Farben der Gothia, schwarz-rot-gold mit weißem Vorstoß und weiße Mütze zu tragen. Aus Aktivenmangel wurden einige Füxe aufgenommen, die bereits die Gründung einer Verbindung Frankonia beabsichtigten. Mit Beschluß vom 19. Oktober 1867 wurde jedoch der von den alten Bohemen bevorzugte Name Germania angenommen.

 

Die Aktivitas wuchs in den folgenden Semestern auf die stattliche Größe von über 25 Mitgliedern an. Die jungen Germanen entfernten sich aber immer mehr von ihren deutschnationalen Grundsätzen und neigten der österreichisch-nationalen Ebene der Corps zu. Zu Beginn des Wintersemesters 1868/69 trat dieser Widerspruch zu den alten Grundsätzen der Bohemia offen zu Tage. Die Aktivitas beschloß gegen die Stimmen der Älteren, Germania zum Corps Frankonia mit den Farben rot-weiß-gold auf rot zu erklären. Dieser Beschluß stand unter keinem guten Stern. Bereits nach einem Jahr mußte sich das Corps Frankonia auflösen. Die alten Bohemen übernahmen wieder die Führung unter altem Namen und Farben. Drei Füxe und das kleine verbliebene Häuflein der Burschen kehrten zu ihren alten burschenschaftlichen Grundsätzen zurück.

 

Die nächste Bewährungsprobe erwartete Germania zu Pfingsten 1874 anläßlich des Stiftungsfestes zur Vollendung des 25. Semesters. Die Festrede des Kommerses war von der Zensur stark beschnitten worden. Der Schriftleiter der deutschen Zeitung ließ es sich dennoch nicht nehmen, unter dem Jubel der Teilnehmer einen Trinkspruch auf die weder durch Grenzpfähle noch durch Verbote einzuengende geistige Gemeinschaft der Deutschen auszubringen. Ein anwesender Regierungsvertreter erklärte den Kommers daraufhin geschlossen. Weiters wurde der Präses gegen der Herausgabe einer illustrierten Festzeitung zu 50 Gulden Geldstrafe oder 10 Tagen Arrest verurteilt. Es folgte Vorladung auf Vorladung, man vermutete eine Verschwörung mit dem deutschen Reich. Schließlich wurde Germania mit Erlaß vom 7.6.1874 aufgelöst, "weil dem am 23.5. zur Feier des 25. Semesters ihres Bestandes abgehaltenen Festkommers ostentativ ein vorwiegend politischer Charakter gegeben und mit Überschreitung des genehmigten Programmes Reden politischen Inhaltes gehalten und Briefe gleichen Inhaltes zur Verlesung gebracht wurden". Nach einer kurzen Zeit im Untergrund konnte Germania unter dem Namen "Wiener Burschenschaft Germania" wieder legal an die Öffentlichkeit treten.

 

Zu Beginn des Wintersemesters 1888 zwang ein erneuter Mangel an Aktiven zu einer Vertagung. Dieses Tief konnte innerhalb nur eines Jahres überwunden werden und Germania erlebte den Rest des Jahrhunderts ohne gravierende personelle Probleme.

 

Im Jahre 1903 konnte das Coleurhaus im 8.Bezirk bezogen werden. Dieses Haus in der Lange Gasse 10, das noch heute mit den Zirkeln der Germania geschmückt ist, blieb bis 1938 Heimstatt für das Aktivenleben, für Kneipen, Convente und Mensuren.

 

Im Juni 1938 legten die Germanen zwangsweise Band und Mütze nieder und wurden zusammen mit der Burschenschaft Alemannia in die NS-Studentenkameradschaft "Conrad von Hötzendorf" überführt. 1952 sollte dann das vorerst letzte Kapitel in der Geschichte der Germania aufgeschlagen werden.

 

 

Die Geschichte der Wiener Burschenschaft Gothia

 

Im Jahre 1885 gründete sich die Fecht- und Kneipriege der "Lesehalle an der technischen Hochschule". Wegen der politischen Verfolgung und um die Bücherei der "Halle" zu erhalten, wandelte sie sich am 2. Mai 1891 in den Verein deutscher technischer Hochschüler Gothia um. Sie löste sich von dem 23 Vereine umfassenden "Waidhofner Verband" und schloß sich den sog. "Vereinen" an, die meist von Studenten der Sprachgrenzregionen gegründet wurden. Sie verstanden sich als Kampforganisationen gegen die hauptsächlich seit 1879 betriebene Slawisierungspolitik der Habsburger. Gothia verfolgte die Grundsätze deutschnationaler Gesinnung im Sinne Schönerers, Kampf für Größe, Einheit und Reinheit des deutschen Volkes, unbedingte Genugtuung auf Säbel und Einfachheit in studentischen Formenwesen. Als Farben wählte man schwarz-rot-gold auf silber-blau. Ein Kopfcoleur wurde im Sinne der Einfachheit nicht getragen.

 

Die praktische Umsetzung der radikal vertretenen Ziele des Vereins (Großdeutschland, Freiheit, Ehre, Reinhaltung von deutschem Volkstum und Boden) führten zur zweimaligen Auflösung in den Jahren 1892 und 1896. Im Jänner 1895 führten sie Kappen und Halbwichs, im Mai 1899 Vollwichs und im Februar 1907 als Burschenschaft eine große weiche Schlappmütze ein. Gothia blieb den Idealen Schönerers und Bismarcks stets engagiert verbunden. So wurde alljährlich zum Todestag von Bismarck eine größere oder kleinere Gedenkfeier abgehalten; Schönerer wurde 1919 - zwei Jahre vor seinem Tode - als Ehrenbursch aufgenommen.

 

Die politischen Aktivisten der Gothia bekamen einige male empfindliche Folgen ihres Handelns zu spüren: Einer mußte wegen seiner vor dem ersten deutschen Studententag 1897 gehaltenen Rede binnen 24 Stunden das Land verlassen; ein weiterer wurde bei Kundgebungen gegen die Sprachenverordnungen, gegen slawische und italienische Hochschulforderungen von einem Italiener angeschossen.

 

Die Pflege der Säbelfechtkunst für den "Ernstfall" führte mit der Zeit zum Mißbrauch des Säbels als Mensurwaffe. Aus diesem Grunde führte Gothia im Februar 1905 das konservative Prinzip und damit die Bestimmungsmensur auf Schläger ein. Am 15. Mai 1905 erklärte sie sich zur Burschenschaft und trat bereits am darauffolgenden Tag in den Wiener DC ein. Im WS 1908/09 übernahm sie zum ersten mal den Vorsitz. Auf den Burschentagen von 1919 vertrat Gothia durch ihren AH Pichl vehement und schließlich mit Erfolg den den Zusammenschluß mit der Deutschen Burschenschaft. In diesem Dachverband sah Gothia ihre Aufgabe vor allem in der Durchsetzung der ostmärkischen Grundsätze und der sog. "Waidhofener Grundsätze".

 

Die herausragendsten Persönlichkeiten der Gothia waren AH Univ. Prof. Dr. Heinrich Ritter von Srbik als Minister für Kultus und Unterricht im Kabinett des Polizeipräsidenten Johann Schober in den Jahren 1829/30, 1938 Präsident der Wiender Akademie der Wissenschaften und Mitglied des Reichstages sowie AH Pichl mit seinen 32 Säbelpartien. AH Pichl war Mitbegründer der Gothia und Zeit seines Lebens politisch aktiv. Er sollte 1897 eine dann verbotene Protestveranstaltung gegen das Verbot Badenis, in Prag schwarz-rot-gold zu tragen, leiten. Er war einer der Hauptakteure bei dem Zusammenschluß mit der deutschen Burschenschaft. Er gründete den alpinen Wehrturnverein "Edelweiß", war Führer - später Ehrenführer der "Deutschen Wehr" und war maßgeblich an der Erschließung der österreichischen Alpen beteiligt, Präsident des Alpenclubs und Obmann der Sektion Austria des deutschen und österreichischen Alpenvereins. Er starb am 15. Mai 1955 in Lauffen (Salzkammergut).

 

1938 mußte die alte Gothia nach 1050 Mensuren und 284 Säbelpartien ihre Farben niederlegen.